Flüchtlinge in Spielfeld

© Michael Schnabl
Es sind viele Kinder und Frauen unter den Flüchtlingen

Seit vielen Wochen Wochen verfolge ich alle Nachrichten zur Flüchtlingssituation - war es in den vergangenen Wochen vor allem Nickelsdorf wo die Flüchtlinge zu tausenden über die Grenze kamen, so hat sich dieser Ansturm nun auf Spielfeld an der steirischen Grenze zu Slowenien verlagert.

 

Da die Berichte zur Situation sehr widersprüchlich waren, wollte ich mir einmal selbst ein Bild über die Situation machen und bin ganz einfach nach Spielfeld gefahren. Zeitungsberichte und Facebook-Meldungen sind eine Sache - es mit eigenen Augen zu sehen und zu beurteilen eine ganz andere - ja und für mich die einzig ausschlaggebende nachdem den Medien entweder ein Hang nach Rechts oder Links anzumerken ist und ich immer das Gefühl hatte, dass so mancher Artikel ganz einfach Stimmung in die eine oder andere Richtung machen wollte.

 

Auf meinem Weg nach Spielfeld fuhr ich bereits in Leibnitz ab um die letzten Kilometer auf der B67 zurück zu legen - hier gab es ja in den letzten Tagen so einige Meldungen von auf der Straße laufenden Flüchtlingsgruppen bis hin zu Schreckensmeldungen über Geschäftsplünderungen (diese stellten sich in kürzester Zeit als einfach erfunden heraus). Südlich von Leibnitz kamen mir vereinzelt erste kleinere Flüchtlingsgruppen entgegen - zumeist Männer - auch ein Gruppe von ca. zehn unbegleiteten Kindern im Alter von 12-14 Jahren war unterwegs - auf der Straße ging niemand an diesem Tag - die Leute gingen dahin wie bei einem Volkswandertag - vor einem Geschäft hatten ein paar Einheimische einen Stand aufgebaut mit Bananen und Wasser - wie eine Labestation bei eben einer solchen Veranstaltung - das Bild wirkte fast schon bizarr auf mich. 

 

Angekommen im Spielfeld fuhr ich etwas im Ort herum - hier war ja ständig in den Medien von herumirrenden Gruppen die Rede - ok, ich konnte diese nicht finden - ein einziger Flüchtling war im Bereich des Bahnhofs - als er mich sah machte er sich sofort davon - der Ort selbst war eher gespenstisch ruhig - hie und da ein Taxi welches vorbeifuhr und nach Flüchtlingen Ausschau hielt - ein Hubschrauber der über der Gegend kreist und alle paar Minuten ein Polizeiauto. Ich machte mich dann weiter auf den Weg zum alten Grenzübergang, die netten Polizeibeamten ließen mich am Kreisverkehr Richtung Grenze ohne Schwierigkeiten durch nachdem ich ihnen kurz erklärte, dass ich Fotograf bin.

 

Nachdem ich mein Fahrzeug am Parkplatz hinter einer Armada von gut einhundert Taxis geparkt hatte ging ich zu Fuß weiter - mit dabei an diesem Tag nur meine Kompaktkamera - aber für ein paar Eindrücke vom Geschehen vor Ort sollte dies reichen. Am Weg sprach ich zwei Männer an, die mir erklärten sie kämen aus Afghanistan - ihr englisch war nicht besonders gut, aber sie machen einen irgendwie erleichterten Eindruck, waren unglaublich freundlich, auf keinen Fall schreckenserregend oder furchteinflößend. Der eine hatte eine schlecht vernähte leicht entzündete Wunde am Kopf - sie wirkten erschöpft und erklärten sie wollten nach Deutschland - auf meine Frage warum kam nur ein "Germany is good" und ein "sorry, no good English". Am Grenzübergang selbst dann sehr sehr viele Menschen die auf den Weitertransport warten - viele stehen einfach ruhig da, manche Sitzen und rauchen. Ich schaue mir die traurige Szenerie für ca. 30 Minuten an und mache ein paar Fotos - die Bilder die ich sehe machen mich unglaublich traurig - was haben diese Menschen bereits erleben müssen - was wird sie in Zukunft erwarten. Ich sehe in die Gesichter der Menschen und versuche mich kurz in die Lage der Flüchtlinge zu versetzen - ich denke wir dürfen unendlich dankbar sein in einem sicheren Land zu leben - ich kann hier keine Invasion sehen, wie manche uns glauben machen möchten - nein, ich sehe vor allem verängstigte Menschen, viel Leid und Not und weit mehr Frauen und Kinder als erwartet. Auf zwei vier- bis fünfjährige Mädchen mit lustigen Locken und süßen Gesichtern gehe ich langsam zu - vielleicht darf ich ja ein Foto von ihnen machen - sie hocken am Boden vor einem Bus der in Kürze abfahren wird - sie sehen zu mir hoch und ich lächle sie an - doch sie schrecken sich vor mir, in ihren Augen eine unglaubliche Angst - was müssen sie in ihrem so kurzen Leben schon alles erlebt haben - nach einem Foto frage ich gleich gar nicht mehr - dieser Blick war wie ein Schock für mich und ich werde mich an diese Situation wohl noch lange erinnern.

 

Zum Abschluss plaudere ich noch ein wenig mit ein paar Bundesheer Soldaten - "der Tag verlief bisher absolut ruhig" sagen sie mir, doch wenn es Nacht wird und die Kälte kommt rechnen sie wieder damit, dass die Flüchtlinge nervös werden und sich in Bewegung setzen wollen - ich kann es gut nachempfinden - eine Nacht auf kaltem Asphalt wenn die Temperaturen gegen den Gefrierpunkt gehen, legen ganz sicher die Nerven blank.

 

Was natürlich auffällt ist der Müll der überall herumliegt - Zelte, Decken, Plastikflaschen, Zigarettenpackungen - Unmengen von Dreck und Müll wohin man blickt, obwohl Reinigungskräfte permanent versuchen das schlimmste zu beseitigen - hie und da kommt der Wind vom Süden und bringt einen Geruch mit, der leicht an einen vorbeifahrenden Biomüllwagen erinnert - manche Einsatzkräfte tragen wohl deshalb Schutzmasken, andere wiederum nicht. Die wenigen Mistkübel die es gibt sind hoffnungslos überfüllt - auch am Weg zurück sehe ich relativ viel Müll entlang der Straße liegen - das ist wahrscheinlich auch ein Punkt der die Anwohner hier besonders stört und zugegeben das wahr auch der einzige Punkt der mit den Schreckensmeldungen die so durch die Medienlandschaft geisterten übereinstimmte. 


Ich hab mir vorgenommen in den nächsten Tagen wieder nach Spielfeld zu fahren - mehr Bilder zu machen und dann mit meiner besseren Ausrüstung - geplant ist dann eher gegen Abend zu kommen, denn da soll es am unruhigsten werden - an diesem Tag hab ich zwar viele Flüchtlinge gesehen, aber rein gar nichts von chaotischen und gefährlichen Zuständen - alle Flüchtlinge verhielten sich sehr ruhig und die Exekutive hatte die Situation völlig im Griff. Natürlich ist ein kurzer Besuch nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtgeschehen, deshalb werde ich auch von meinem nächsten Besuch ausführlich berichten.


Hier gehts zum Bericht vom Sonntag, 25.10.2015 mit vielen weiteren Fotos ...

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Die Fotoworkshops bzw. Fotokurse von Michael Schnabl und fotopraxis.at finden an verschiedenen ausgewählten Locations in Österreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern statt. In den letzten Jahren gab es Workshops in Graz, Wien, Salzburg, Linz, Villach, Andorf, St. Georgen, München, Hamburg, Landshut, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Darmstadt, Berlin, Gent, Prag und Den Haag.