Situation in Spielfeld - jeden Tag tausende Flüchtlinge

Flüchtlinge in Spielfeld © Michael Schnabl
jeden Tag kommen tausende neue Flüchtlinge nach Spielfeld

Nach meinen ersten beiden Blog-Artikeln zu meinen Besuchen in Spielfeld bekam ich sehr viele positive Reaktionen, teils von Menschen die ich bis dato nicht kannte - es gab aber auch so einige negative Kommentare und Nachrichten in meinem Posteingang - manche haben mir daraufhin sogar die Facebook-Freundschaft gekündigt. Die negativen Äußerungen gingen vor allem in die Richtung ich wolle die Menschen mit meinen Fotos manipulieren und zeige nicht das tatsächliche Geschehen. Nun, natürlich ist ein Foto immer ein Ausschnitt aus dem Gesamtgeschehen, deshalb versuche ich auch immer Übersichtsfotos einzubauen. Andere beschwerten sich, ich würde zu viele Frauen und Kinder fotografieren und dadurch falsche Informationen vermitteln - möglicherweise ist dies tatsächlich ein Motiv welches mich persönlich bewegt und dadurch von mir öfter fotografiert wird, aber die Anzahl der Frauen und Kinder hier an der Grenze zu Spielfeld ist ungewöhnlich hoch und nach meinem Empfinden von Besuch zu Besuch gestiegen.


Am 31.10.2015 war ich nun zum dritten Mal direkt in Spielfeld an der Grenze um mir weiter ein eigenes Bild zu machen - diesmal in Begleitung von Reporterin Katharina Freidl. Wir wurden am Weg zu den Flüchtlingen diesmal sehr oft von der Polizei kontrolliert - mehrfach wurde nach dem Presseausweis gefragt und von woher wir kommen. die Polizeipräsenz ist zumindest nach meiner Wahrnehmung deutlich gestiegen im Vergleich zu vorangehender Woche. Die Organisation des Grenzübertritts der Flüchtlinge wurde ganz offensichtlich ständig verbessert um Tumulte und Drängerei einzudämmen - im vorderen Bereich sind die Flüchtlinge in ca. busgruppengroße Schleusen unterteilt - kommt man weiter in Richtung slowenische Grenze verschlechtert sich allerdings der Gesamteindruck. Es liegt hier sehr viel Dreck am Boden - unzählige Decken, Speisereste, Plastikbecher - der Geruch der in der Luft liegt ist nicht besonders angenehm und das bei ein paar Grad über null - im Sommer bei 30 Grad würde es wahrscheinlich bestialisch stinken - bei geschätzt weit über 100 Dixie-Klos die herum stehen und tausenden Menschen die sich seit vielen Tagen nicht waschen konnten auch nicht weiter verwunderlich. Der äußerliche Zustand der Menschen hier hat sich seit meinem letzten Besuch stark verschlechtert - sah man vor einer Woche noch recht viele die fast schon gut gekleidet und relativ sauber waren so ist nun die Kleidung der Flüchtlinge zumeist stark verschmutzt und schäbig - in vielen Gesichtern sieht man Verzweiflung, in anderen Lethargie - die wenigsten machen einen hoffnungsvollen Eindruck. Hier im hinteren Bereich ist die Stimmung etwas aufgeladener als vorne wo die Flüchtlinge dann schon mitbekommen, dass es nicht mehr so lange dauern wird, bis sie einem Bus zugewiesen werden. Hier müssen die Flüchtlinge stundenlang am kalten Boden sitzen - wenn sie aufstehen werden sie von den Polizisten sofort wieder im Befehlston aufgefordert sich hinzusetzen. Man merkt den Polizisten die Anspannung in diesem Bereich an - wir sprechen mit einigen von ihnen die uns sagen dass die Situation zwar großteils ruhig ist, aber man nie wissen könne was im nächsten Augenblick passiert - wenn 1000 Menschen oder mehr plötzlich anschieben, mit unzähligen kleinen Kindern darunter, dann kann man dieser Situation nicht mit sturer Gewalt gegenüber treten - um dies zu vermeiden wird jede kleinste aufkeimende Unruhe unter den Wartenden im Keim erstickt.


Hauptsächlich kommen Syrer und Afghanen


Die Einsatzkräfte erzählen uns dass ein normaler Dienst 24h dauert - manche berichten auch, dass Dienste teilweise über 30h dauerten - viele von ihnen wirken leicht gereizt, versuchen aber trotz Müdigkeit und Dauerstress ihre Arbeit möglichst korrekt zu verrichten. Sie erzählen uns dass hauptsächlich Syrer und Afghanen kommen - aber auch Iraker und Iraner - die Syrer seien die vorbildlichste Flüchtlingsgruppe, zumeist gebildet, fast alle sprechen Englisch und es gibt mit ihnen keinerlei Probleme - anders verhalte es sich mit der Gruppe der Afghanen - hier spricht fast niemand englisch und sie treten offensichtlich teilweise aggressiver auf - kleinere Gruppen von Afghanen sorgen immer wieder für brenzlige Situationen - so gibt es teilweise Raufereien unter ihnen aber auch vereinzelte Schlägereien zwischen Afghanen und Syrern - die Nerven liegen also teilweise blank - großteils sei die Situation aber unter Kontrolle und diesen Eindruck hat man auch an diesem Tag. Wenn man beobachtet wie der Großteil dieser Menschen völlig ruhig die unangenehme Wartesituation in der Kälte erträgt dann bekommt man eher den Eindruck, dass hier alles völlig friedlich verläuft - aber natürlich muss man auch verstehen, dass manche Menschen in Extremsituationen ausrasten und dass sich daraus eine gefährliche Gruppendynamik entwickeln kann.


Für viele ist der Flüchtlingsanstrom ein willkommenes Geschäft


Wir hören, dass Taxifahrer teilweise bis zu 1600 euro für eine Fahrt nach Salzburg kassiert haben - hier wollten sich einige auf Kosten der Not anderer eine goldene Nase verdienen - mittlerweile gibt es Fixpreise die auf notdürftig angefertigten Plakaten auch ausgehängt sind. Die Flüchtlinge die selbst für ihren Transport aufkommen wollen, werden von der Polizei und dem Bundesheer durch eine eigene Schleuse zu den wartenden Taxis gebracht - es wird kontrolliert ob sie auch Geld haben - eine Frau zieht aus ihrem BH einen dickes Bündel 50 euro Scheine - ja, viele Flüchtlinge haben Geld bestätigt uns ein Polizist, sie haben auch Handys oder teilweise für eine Flucht völlig sinnlose Dinge wie Haarglätter im Gepäck. Für die Taxifahrer sind die Flüchtlinge, nach vielen Jahren mit schlechten Einnahmen, ein willkommenes Geschäft. Ein junger Mann vom Bundesheer erzählt uns von einem Pizza-Lieferservice auf slowenischer Seite der seine Pizzas um 25 Euro pro Stück verkaufte - manche schrecken anscheinend vor nichts zurück. Ja und die Firma welche die Dixie-Klos hier aufstellt und betreibt wird sich in diesen Wochen wohl den Umsatz ihres Lebens erwirtschaften.


Immer mehr Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen


Der Anteil der Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen ist in den letzten Monaten ständig gestiegen - das sieht man ganz offensichtlich und es wird auch so von offizieller Stelle bestätigt. Die Bilder machen betroffen - manche Kinder lachen und spielen so als wäre alles in bester Ordnung - tiefe Ringe unter ihren Kinderaugen machen aber schnell klar, dass auch sie unter den Belastungen gelitten haben - es gibt aber auch weinende Kinder, sehr viele Babys - ihre Mütter versuchen sie mit Decken warm zu halten - sehr viel Elend wenn man genauer hin schaut - wir kommen mit einer Familie näher ins Gespräch - eher mit Händen und Füßen als verbal - sie sprechen kaum englisch - aber ein Lächeln versteht man immer und die zwei Mädchen lächeln uns unentwegt an - auch die Mutter schenkt uns immer wieder ein schüchternes Lächeln - Katharina gibt den beiden ein paar Süßigkeiten und wird mit strahlenden Kinderaugen belohnt - die Mutter bürstet im Anschluss einem der Mädchen die Haare - selbst in den schlimmsten Situationen wird noch versucht ein wenig Normalität zu bewahren. Indessen beginnt eine ältere Frau die daneben sitzt bitterlich zu weinen - man spürt die Verzweiflung und die Ohnmacht.  Wenn man nur ein wenig auf diese Menschen zugeht merkt man, dass sie unglaublich freundlich darauf reagieren - fast schon dankbar - etwas das man hier nicht mehr kennt - ich habe in Österreich noch keinen Menschen erlebt der dankbar ist nur weil ich in anblicke oder mit ihm spreche - niemand begegnet uns mit Aggression. Als wir gehen ruft das eine Mädchen Katharina zu sich und schenkt ihr ein kleines Plüschherz auf dem mit großen Buchstaben "KISS" steht. 


Meine Eindrücke aus drei Besuchen an der Grenze und unzähligen Gesprächen mit Einsatzkräften, Helfern und Flüchtlingen - die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge verhält sich absolut ruhig und diszipliniert selbst in schwierigen Situationen - es gibt laut den Einsatzkräften vereinzelt kleinere Schlägereien wobei diese angeblich nie von den Syrern ausgehen die als vorbildlichste Gruppe bezeichnet werden. Wenn man mit den Flüchtlingen den Kontakt sucht stößt man nur auf freundliche Reaktionen und die Kinder sind absolut offen und kontaktfreudig. Die Einsatzkräfte von Polizei und Bundesheer sowie das rote Kreuz, Caritas und andere Hilfsorganisationen leisten vorbildliche Arbeit sind aber teilweise ausgelaugt und gestresst - die Gesamtsituation ist geordnet und gut organisiert - gröbere Zwischenfälle wie das Ausbrechen größerer Flüchtlingsgruppen wurden in der letzten Woche keine mehr verzeichnet.

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Kommentare: 4
  • #1

    Helga (Montag, 02 November 2015 16:46)

    Lieber Michael ich bin tief berührt von deinen Bildern, warst immer schon als Kollege schon sehr sensibel, danke . Es bewegt mich sehr, habe jedoch auch Angst um unsere Zukunft, wie das alles enden wird, LG Helga

  • #2

    Michael Schnabl (Montag, 02 November 2015 20:42)

    Liebe Helga, danke dass du dir die Zeit nimmst meine Beiträge zu lesen - ich denke wir brauchen keine Angst zu haben - natürlich wirkt es etwas bedrohlich wenn solche Menschenmassen kommen - auch wird sich unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren etwas verändern - das muss aber nicht zum Schlechten sein und hängt zum großen Teil auch von uns ab - die meisten die kommen haben keine schlechten Absichten und wollen nur ein friedliches Leben mit einer lohnenswerten Arbeit - ich denke die wenigsten sind tatsächlich Sozialschmarotzer - davon haben wir sicher schon genug im eigenen Land - aber ich glaube wir müssen die Chance ergreifen die sich dadurch bietet und es als Bereicherung und nicht als Gefahr sehen. Bin eigentlich recht zuversichtlich, dass das gelingt.

    LG Michael

  • #3

    MartinDoersch (Montag, 02 November 2015 20:53)

    Danke für deine ehrlichen Berichte von "vor Ort"!

  • #4

    Marcel (Dienstag, 03 November 2015 18:39)

    Hallo Michael,
    dein Bericht ist wirklich lesenswert und sehr interessant
    Es ist schön mal einen Bericht zu lesen ohne ständiges Gehetze gegen Flüchtlinge.
    Ich möchte selbst gerne nach Spielfeld fahren, brauche ich da unbedingt einen Presseausweis?
    Lg Marcel und danke für den artikel :)